Internet
Der Xing Selbstversuch
Seit Mitte 2006 war ich zahlendes “Premium”-Mitglied bei Open BC, später Xing. Irgendwie gehörte sich das so, als selbständiger Webworker. Und die Mitgliedschaft erneuerte sich von Jahr zu Jahr, ohne dass ich noch groß darüber nachdachte oder es hinterfragte. Wie das nunmal oft so ist mit Abos. Doch dann kam Ende Februar die neue große Werbekampagne Es hat Xing gemacht, und ich fand sie in jeder Hinsicht abschreckend:
Dass man die eigenen Mitarbeiter für Testimonials hernimmt… der typische Xing-User offenbar ganz tief unten in einem Dungeon haust mit dem Laptop als einzige Beleuchtung… Xing sich gefühlsmäßig einreiht in die lange Liste von Unternehmen, die mehr in Mitgliederfang investieren als in -pflege… und dass da Leute von ihrem ganz persönlichen, großen “Xing Moment” erzählen. Und so kam ich nicht umhin, darüber zu sinnieren, wann ich denn eigentlich meinen Xing Moment hatte… aber alles nachdenken nützte nichts, es gab ihn nicht.
In vier Jahren (zugegebenermaßen nur mittelmäßig intensiver) Xing-Aktivität habe ich nur eine handvoll interessanter Kontakte über die Plattform generiert. Der absolute Großteil meiner Kontakte waren Menschen, die ich vorher schon kannte (real oder virtuell). Man kontaktet sich dann eben auch in Xing (manchmal), die Frage ist nur, wozu eigentlich? Bei genauerer Betrachtung fehlten nicht nur die großen Momente, der ganze Nutzen schien mir rätselhaft. Zumal man als Premium-Mitglied lediglich den zweifelhaften Luxus genießen darf, uneingeschränkt Nachrichten an andere Mitglieder zu schreiben (mache ich ganz konservativ via E-Mail, die gehört dann nämlich auch bis in alle Ewigkeit *mir*, ich kann sie in Ordner sortieren, etc. pp.). Und die Suchfunktion zu nutzen (da gibt’s aber nichts und niemanden, den man nicht auch mit dem pösen Google finden würde). Und zu kucken, wer das eigene Profil besucht hat (wahrscheinlich der Grund Nr. 1, warum sich Leute zur Premium-Mitlgiedschaft hinreissen lassen, aber diese Neugier ist irgendwann auch gestillt). Und Sonderangebote und Rabatte für Dinge abzugreifen, die ich persönlich so gut wie nie brauche (Autovermietung, Hotelketten, Zeitungs-Abos, der übliche Kram), und wenn es dann doch mal soweit ist, vergesse ich zuverlässig, die Angebote zu nutzen.
Eigentlich war ich vorrangig Premium-Mitglied geworden und geblieben, weil das nach außen, schon rein namentlich, einen gewissen Status verhieß. Klingt dämlich, ist es auch.
Also habe ich die Konsequenz gezogen und bin nun seit drei Wochen nur noch ein kleines, unscheinbares Basis-Mitglied, aber ich habe keinerlei Auswirkungen auf meine Xing-Nutzung oder -Präsenz festgestellt. Der einzige Unterschied ist, dass ich von dem gesparten Geld lecker Essen gehen oder sonst irgendwelche Features im echten Leben genießen kann, die den Zusatz “Premium” wirklich verdient haben… Das soll nicht heißen, dass Xing nicht eine tolle Plattform für viele Zwecke sein kann, und wahrscheinlich werde auch ich früher oder später rückfällig. Aber zumindest ich habe die Erfahrung gemacht, dass man recht viel Zeit investieren muss, damit sich das Ganze wirklich lohnt. Und so unglaublich es klingt im Networking / Social Web-Zeitalter, die Zeit verbringe ich momentan lieber mit echter Arbeit oder echtem Spaß, und weniger mit dem Web 2.0 Business Kram, der irgendwie beides und alles zwischendrin verspricht und nichts wirklich halten kann.
Internet Marketing Verein
Manchmal gibt es ihn doch noch, den interessanten Spam. So erreichte mich heute die Nachricht des Internet Marketing Verein IMV e. V. in Berlin. Dieser preist, man vermutet es fast, Suchmaschinenoptimierung an. Gleichzeitig habe ich es nicht geschafft, diesen Verein via Google ausfindig zu machen (Stand heute, kann sich ja noch ändern, ich werde jedenfalls nicht mit einer Verlinkung zur Besserung beitragen). Zitat der elektronischen Nachricht: “Geld wollen wir von Ihnen keines”. Zitat Website: “Nach einer ausführlichen Prüfung Ihres Unternehmens … können Sie gegen eine Monatsgebühr in Höhe von 45,- Euro Mitglied im IMV e. V. werden.” So richtig schlüssig und transparent erscheint mir das nicht. Ein interessantes Geschäftsmodell, zumal für einen Verein, ist das aber sicher allemal – nur sollte man in dem Fall vielleicht *zuerst* mindestens rudimentäres SEO und *dann* das E-Mail-Marketing betreiben…
Vorratsdatenspeicherung verfassungswidrig
Das Bundesverfassungsgericht hat heute die seit 2008 wirksame Vorratsdatenspeicherung in der jetzigen Form für verfassungswidrig erklärt. Erstmal eine gute Sache und ein Etappenerfolg.
Aber so richtig Freude aufkommen will bei mir nicht. Zeigt das Urteil doch nur erneut das Muster, nach dem Politik nun schon seit Jahren funktioniert. Dieses Gesetz war immerhin zwei Jahre in Kraft. Inwiefern es den Erfindern verfassungskonform erschien, erschließt sich zumindest mir als totalem Laien nicht. Das Grundgesetz kann man im Übrigen hier jeder kostenlos bestellen. Ich kann es mir nur so erklären, dass Herrn Schäuble, seinen Kollegen sowie dem ganzen Beraterstab im Hintergrund eine andere Version vorliegt. Auch unserem Bundespräsidenten, der bereitwillig seine Unterschrift darunter gesetzt hat. Und nun wird es als Erfolg für die Demokratie und Grundrechte gefeiert, wenn Karlsruhe das Ding erwartungsgemäß “einkassiert”. Alles ist gut, der Laden läuft prima.
Mir wird eher angst und bange, wenn Urteile wie dieses mir vergegenwärtigen, an welch seidenem Faden unsere Grundrechte inzwischen hängen. Was, wenn der werte Vorsitzende Herr Papier in nicht allzu ferner Zukunft durch ein, sagen wir, “gefälligeres” Modell ersetzt wird. Wieviele Menschen mit Rückgrat sitzen denn heutzutage überhaupt noch in entscheidenden Positionen. Welcher Politiker wird noch glaubhaft als aufrechter Demokrat wahrgenommen, wer versucht ernsthaft im Sinne der Bevölkerung bzw. des Landes zu wirken und nicht im Sinne eigener bzw. parteiinterner Interessen. Mir fällt kein Einziger ein. Das finde ich persönlich traurig. Und das Traurigste ist, es wird sich nichts daran ändern, weil niemand die Verantwortung übernehmen muss oder jemals Konsequenzen zu befürchten hat.
Nichtsdestotrotz, ein herzlicher Dank an das Bundesverfassungsgericht und ein sehr ernst gemeintes “Weiter so!”
EU schlägt wieder zu
Klasse, die EU-Schnarchnasen haben wieder zugeschlagen: Windows 7 kommt in Europa ohne Webbrowser. Nachdem alles Obst und Gemüse durchnormiert ist, haben sie ein neues Feld entdeckt, auf dem sie sich austoben können. Wer rettet uns bitte vor diesen Schwachmaten?
1. Die einzige Firma, die versucht, mit dem Verkauf eines Webbrowsers als solches Geld zu verdienen, ist Opera – vielleicht sollten die ihr Geschäftsmodell einfach mal überdenken und einsehen, das sie damit nunmal mindestens 10 Jahre zu spät dran sind? Inwiefern der Browsermarkt wirtschaftlich relevant sein soll, erschließt sich mir nicht. Das Problem von Opera ist nicht der Internet Explorer, sondern dass es mit Firefox, Safari, Chrome gleichwertige & vollkommen kostenlose Alternativen gibt.
2. Ich fühle mich in die 90er zurückversetzt, der gute alte Krieg IE vs. Netscape damals, ja, das waren noch Zeiten. Damals hätte die Aktion Sinn gemacht und Netscape vielleicht vor dem Untergang bewahrt. Aber seitdem ist viel passiert. Und rückblickend muss man einsehen – es war gut so. Das Mozilla Projekt konnte aus Netscape erwachsen, brachte uns irgendwann mit Firefox einen sehr guten Browser, und in Sachen Webstandards hat sich sehr sehr viel getan seitdem; das ist eine gute Sache sowohl für Anwender als auch für Entwickler.
3. Haben die EU-Menschen auch daran gedacht, dass der Internet Explorer auf einem frisch installierten System die wichtige und wertvolle Aufgabe hat, sich einen vernünftigen Browser herunterzuladen? Stattdessen soll man jetzt erstmal zum nächsten Kiosk pilgern und irgendeine Heft-CD erstehen?
4. Was ist mit Mac OSX, dort wird doch auch gebundlet, was das Zeug hält? Apple darf also problemlos Safari mitliefern, sowie zig anderen Kram, um das Rundum-Sorglos-Paket pefekt zu machen? Und genau damit auch werben, dass man gar nichts installieren muss, weil die Alltagsanwendungen alle schon mit dabei sind? Und Windows gesteht man gleichzeitig nichtmal eine so elementare Software wie einen Webbrowser zu? Also, da verspüre fast schon einen Hauch von Mitleid für Microsoft.
5. Das einzig Sinnvolle, um Microsofts Marktmacht wirkungsvoll zu dämpfen wäre, die Zwangsbündelung von Hardware und Betriebssystem zu verbieten. Das ist meiner Meinung nach das Allerärgerlichste – jedesmal, wenn ich mir ein Notebook kaufe, bin ich gewungen, Windows mitzubezahlen. Hätte der Anwender beim Hardwarekauf die freie Wahl zw. Windows/OSX/Linux/etc., würde der Kuchen mittelfristig *ganz* anders aufgeteilt werden, da bin ich mir sicher. Aber da traut sich die EU natürlich nicht ran.
6. Wenn das Schule macht, gute Nacht. Ich erwarte, dass Winamp demnächst gegen Integration und Beigabe des Windows Media Players klagt. Danach finden sich bestimmt noch Hersteller von Email-, FTP-, Zip-, Messenger-Programmen, nicht zu vergessen Texteditoren und das allseits beliebte Solitär. Darf doch nicht sein, dass all das schon bei Windows dabei ist, und dann noch in so erstklassiger Qualität
Ich bin absolut kein Freund von Microsoft und schon gar nicht des Internet Explorers (als Webdesignerin ist das Ding für mich der Horror schlechthin). Aber dass sich die EU hier einmischt, halte ich für völlig daneben. Der Erfolg von Firefox hat doch gezeigt, dass die Menschen durchaus in der Lage sind, selbständige Entscheidungen zu treffen. Trauen uns die Herren EU-Politiker aber offenbar nicht so richtig zu…
Grundrechtefest am 23.05.2009
Anlässlich des 60. Geburtstags unseres Grundgesetzes finden am kommenden Samstag in zahlreichen deutschen Städten, auch in Stuttgart, Aktionen zur Verteidigung unserer Grundrechte gegen die ausufernde Überwachung durch Wirtschaft und Staat statt. Ich hoffe, es werden viele Menschen an den verschiedenen Veranstaltungen teilnehmen, um damit zumindest ein Zeichen zu setzen und vielleicht den ein oder anderen Bürger auf das Thema aufmerksam zu machen.
Mehr zum Thema beim AK Vorratsspeicherung
Das größte Grundrechtsfest findet übrigens in Berlin statt, mehr dazu weiss das Aktionsbündnis Freiheit statt Angst
Schwarzer Freitag
Wie war das noch bei Douglas Adams? Die Gefahr-O-Sensitiv-Brille von Zaphod Beeblebrox wird bei Gefahr schwarz, damit man sich wieder sicher fühlen kann…
www.heise.de/newsticker/Fuenf-Provider-unterzeichnen-Vertrag-zu-Kinderporno-Sperren–/meldung/136327
www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,619509,00.html
www.heise.de/newsticker/CCC-Kunden-von-Zensurprovidern-sollen-klagen–/meldung/136361
Und auch an anderer, artverwandter Baustelle werden lieber kleine schwarze Schafe demonstrativ auf die Schlachtbank geführt, anstatt die Ursachen zu begutachten und das geltende System zu hinterfragen…
www.heise.de/newsticker/Pirate-Bay-Berufung-gegen-bizarres-Urteil–/meldung/136352
www.sueddeutsche.de/computer/808/465399/text/
Geschnatter-Wahn bei Jon Stewart
Als überzeugte Twitter-Verweigerin halte ich es mit diesem Massen-Exhibitionismus-Dienst ja eher wie F!XMBR, und die Thesen von PR Blogger und Guido M. spiegeln auch meine Gedanken / Beobachtungen dazu wider. Dazu passt ganz gut dieses unterhaltsame Schnipsel aus der Daily Show:
(Gesehen bei netzpolitik.org)
Tolle neue Musiksoftware von Microsoft
Herrlicher Artikel:
www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,605159,00.html
Ich hätte nicht gedacht, der Drogenkonsum bei Microsoft wäre so hoch, dass sie sich dachten, die Welt bräuchte so eine Software und würde sie tatsächlich im Sinne des Erfinders einsetzen ![]()
Diese Machwerke fand ich ebenfalls sehr nett: www.youtube.com/watch?v=JM1GUk1SBmY&
www.youtube.com/watch?v=_V1DuHUs22Q&e
Andererseits find ich’s wunderbar, dass Microsoft so einen skurrilen Schrott (sind das nicht im Grunde immer die selben Harmonien? Ich glaube das Ding errät nur Tempo und (mehr oder weniger) Tonart) auf die Menschheit los lässt, und dann noch das selbstironische (jawohl, soviel Hirnschmalz muss man ihnen zugestehen) Werbevideo dazu…
Weil’s so schön ist, hier nochmal direkt:
Ok., ganz sicher bin ich mir nicht mit der Selbstironie…
Gute Sache: abmahn-blog.de
Thomas Feil ist einer jener wenigen Rechtsanwälte, die das Internet schon lange auf positive Weise für sich nutzen (z. B. mit seinem nützlichen Recht-freundlich Newsletter). Seit einigen Tagen hat er einen neuen Blog unter abmahnung-blog.de, mit dem er es sich zur Aufgabe gemacht hat, Massenabmahner aufzuspüren. Alle Daumen hoch dafür! Endlich mal ein Anwalt, der sich traut, aktiv dieses Phänomen anzugehen.
BMJ veröffentlicht Leitfaden zur Impressumspflicht
An sich eine schöne Sache, der Leitfaden zur Impressumspflicht, vom Bundesministrerium der Justiz. Schließlich herrscht nach wie vor viel Unsicherheit darüber, welche Websites ein Impressum brauchen und was da so alles hinein gehört. Und es ist nach wie vor ein beliebter Grund für Abmahnungen.
Aber viel von dieser Unsicherheit und der Angst vor Abmahnungen kann dieser Leitfaden leider nicht nehmen. Man sollte ja meinen, das Bundesjustizministerium weiss, wie die von ihr geschaffene Gesetzeslage aussieht und kann somit problemlos den Betroffenen einen Leitfaden in die Hand geben, wie man sich gesetzeskonform verhält. Doch weit gefehlt, denn:
Das Risiko einer Abmahnung lässt sich nicht vollständig vermeiden. Auch die nachfolgenden Erläuterungen können keinen absoluten Schutz davor bieten, wegen fehlerhafter Angaben rechtmäßig abgemahnt zu werden, denn letztlich beurteilen die Gerichte, ob im Einzelfall eine Rechtsverletzung vorliegt oder nicht.
Tja. Mein dilettantisches Rechtsverständnis sagt mir, dass irgendwas faul daran ist, wenn selbst das BMJ nicht erklären kann, wie man die Gesetze, die sich die Herren und Damen dort den lieben langen Tag ausdenken, befolgt.
Aber wenigstens geben sie in ihrem Leitfaden nochmal klipp und klar zu verstehen, wozu die Impressumspflicht überhaupt gut sein soll:
Unternehmen haben ein erhebliches Interesse daran, die erforderlichen Informationen über andere Marktteilnehmer zu erlangen, um ein wettbewerbsrechtlich einwandfreies Verhalten durchsetzen zu können
Ja. (Massen-)Abmahner sollen schließlich ohne großen Aufwand erkennen können, wohin die Abmahnung zu schicken ist. Und solange es keine absolut eindeutigen Richtlinien gibt (sprich solche, die sich in einem Leitfaden erklären lassen, ohne dass ein Warnhinweis nötig ist), bleibt das lukrative Abmahngeschäft erhalten, es kann weiterhin wegen vermeintlich falscher oder fehlender Impressumsangaben abgemahnt werde, und der Webseitenbetreiber kann ohne Rechtsbeistand nicht beurteilen, ob die Abmahnung gerechtfertigt ist oder nicht, zahlt also entweder sicherheitshalber die Abmahnkosten, oder nimmt sich einen Anwalt, muss sich mit diesem vielleicht vor Gericht wehren… Eine juristische Selbstbeschäftigungsmaschinerie, möchte man meinen. Ganz schön clever.